(Artikel übersetzt aus der spanischen Pädagogik online Zeitung „Diari de l`Educaciò“)
Seit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts haben sich Waldkindergärten überall vervielfacht.
FRANCESC ARROYO Jeden Tag, kurz nach acht Uhr morgens, versammeln sich etwa 15 Kinder (20 Plätze) im Alter zwischen drei und sechs Jahren am Ortsrand von Deisendorf, einem kleinen, teils ländlichen, teils Wohngebiet gehörend zur Stadt Überlingen im Linzgau. Sie bilden einen Kreis, prüfen, ob jemand fehlt, singen ein Lied und machen sich auf den Weg zu einem anderen Bereich des Waldes, etwas mehr als einen Kilometer entfernt, wo ein alter Waggon und ein paar Unterstände stehen. Sie sind die „Waldzwerge“ wie man sie im Kindergarten nennt: der Kindergarten Storchennest, und sie werden von drei oder vier Betreuungspersonen begleitet.

Diese Gruppe ist eine von dreien der Einrichtung. Die beiden anderen (eine bis drei Jahre, die andere drei bis sechs) bleiben in ihren geschützten Innenräumen, obwohl alle regelmäßig bei verschiedenen Aktivitäten zusammenkommen. Die Waldzwerge haben keinen Klassenraum – oder besser gesagt, sie haben einen sehr großen: die Wiesen, die Wege, die Bäche und den Wald.
Der Treffpunkt liegt neben dem Fußballplatz, den sie für ihre Spiele nutzen. Dort steht auch eine Holzhütte, in der Bücher, Papier, Stifte, Farben, Scheren, Fäden und Wolle zum Basteln und einige Werkzeuge aufbewahrt werden. Die Ankunftszeit ist flexibel: zwischen 7.30 Uhr und 8.25 Uhr. Um diese Uhrzeit bilden sie einen Kreis, es wird ein Tageshelfer bestimmt, der das Lied auswählt, mit dem der Tag beginnt. Dann wird die Anwesenheit geprüft, es wird gesungen und man macht sich auf den Weg zu dem zuvor festgelegten Ort – der nicht immer derselbe sein muss.
An den meisten Tagen gehen sie zu einem Waldstück, in dem ein alter Waggon steht, in dem das Material für den Tagesablauf aufbewahrt wird, sowie ein bis zwei offene Unterstände. In einem frühstücken sie gemeinsam am Vormittag. Im anderen hängen sie ihre Rucksäcke und nicht benötigte Kleidung auf und erledigen manchmal handwerkliche Aufgaben. Vor dem Frühstück waschen sie sich die Hände. Irgendwann gehen sie zu einem abgegrenzten Bereich, der ihnen als Toilette dient. Danach wird erneut die Hände gewaschen und es gibt freie Spielzeit. Die Kinder wählen ihre Aktivitäten und Spielkameraden selbst, können sich aber, wenn nötig, in einen Rückzugsort – die „Höhle“ – zurückziehen, um allein nachzudenken. Gegen Mittag versammeln sie sich erneut, um nach der Aufregung des Spiels wieder zur Ruhe zu kommen. Sie hören eine Geschichte, singen das Abschiedslied und gehen zurück zu der Hütte, von der sie gestartet sind. Sie bewegen sich frei, wissen aber, dass sie sich etwa 300 Meter vor dem Ziel wieder sammeln und aufeinander warten müssen.
Ob Regen, Schnee, Sonne oder Wind – sie bleiben, abgesehen von Ausnahmen, im Freien, bis sie ab etwa 12.30 Uhr von ihren Eltern abgeholt werden können, zwischen dieser Zeit und 13.30 Uhr. In der Zwischenzeit zeichnen sie, nähen, hören Geschichten, die einer der Betreuer erzählt, oder rennen nach Lust und Laune über den Fußballplatz oder zwischen den Bäumen. Beim Spielen lernen sie, Werkzeuge zu benutzen (Schnitzmesser, Sägen, Hammer und Nägel) und manchmal am Lagerfeuer zu kochen, in dem sie Suppen zubereiten oder Kartoffeln, Kastanien und anderes Gemüse rösten.
In einer Publikation zum 25-jährigen Jubiläum des Kindergartens heißt es: „Im Wald braucht man nur wenige Regeln, und diese sind klar und für die Kinder verständlich.“ Die Altersmischung hilft: Die Älteren dienen den Kleineren als Vorbild und übernehmen Verantwortung, wenn sie mit ihnen interagieren. Die Situation bietet den Kindern eine vielfältige Auswahl an Spielpartnern auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen, sodass sie nicht das Gefühl haben, etwas beweisen zu müssen, und ihr eigenes Tempo finden können.
Routine kennen sie nicht. Nicht einmal der Weg ist immer derselbe. Die Kinder können Veränderungen vorschlagen und andere Bereiche des Waldes besuchen oder einen der Bauernhöfe, die mit den Erziehern zusammenarbeiten. Dort beobachten sie landwirtschaftliche Arbeiten oder die Pflege verschiedener Tiere: Hühner, Kaninchen, Kühe, Enten, Lämmer, Pferde. Wie Betreuerin Celi Buchholz sagt: „Ihnen fällt nicht die Decke auf den Kopf – sie haben ja keine.“
Storchennest, gegründet 1996, ist einer der mehr als 3.000 Waldkindergärten, die es heute in Deutschland gibt. Die Bewegung begann 1968, als Ursula Sube in Wiesbaden den ersten dieser Kindergärten gründete, inspiriert von den Erfahrungen der Dänin Ella Flatau, die mit einigen Kindern befreundeter Familien in den Wald ging. Die offizielle Anerkennung kam jedoch erst 1993. Sie wurde dem Kindergarten in Flensburg erteilt, einer Stadt an der Grenze zwischen Deutschland und Dänemark. Es war der 3. Mai, ein Datum, das seither als „Welt-Waldkindergartentag“ gilt. Heute gibt es solche Kindergärten nicht nur in Deutschland (dort in einem Landesverband organisiert), sondern auch in Dänemark, Österreich, der Schweiz, Luxemburg, Norwegen, Schweden, Tschechien, Großbritannien, Italien sowie in Japan und Südkorea, wo das Bildungsministerium 2011 dreißig davon gründete. Auch in Spanien gibt es mehrere in Betrieb und andere Projekte in Madrid, Katalonien, Andalusien oder dem Baskenland.
Jan ist einer der Zwerge im Storchennest. Er ist fünf Jahre alt. „Was machst du, wenn es regnet?“, fragte ihn einmal ein Erwachsener aus einem traditionellen Kindergarten. „Ich setze die Kapuze auf“, antwortete er, fast überrascht über die Selbstverständlichkeit der Frage.
Markus Müller ist einer der Erzieher. Nach seiner allgemeinen Ausbildung absolvierte er eine zusätzliche Qualifikation als Natur- und Wildnispädagoge an der Wildnisschule Corvus Bodensee in Friedrichshafen. Er arbeitet seit 16 Jahren im Wald. „Für mich sind die Vorteile eindeutig: in der Natur und damit im Freien arbeiten, die Jahreszeiten intensiv erleben; 50 % der Pädagogik werden durch die Umgebung bestimmt (Regen, Wind, Sonne, aber auch Baumfällarbeiten oder Sturmwarnungen); das niedrige Geräuschniveau in der Gruppe.“ Er betont den Wert des ständigen Kontakts mit „den vier Elementen (Wasser, Feuer, Luft und Wind); dem Lebensraum Wald, den Wiesen, Obstbäumen, Bächen oder Teichen mit ihrer ganzen Artenvielfalt sowie der Biodiversitätspädagogik.“
„Was mich dazu inspiriert hat, mich dieser Pädagogik zu widmen, war meine eigene Verbundenheit mit der Natur und die Überzeugung, dass Kinder, die Zeit in ihr verbringen, diese Verbindung ebenfalls entwickeln können“, sagt Martina Buntzel, eine weitere Betreuerin. Nach ihrer speziellen Ausbildung im Jahr 2018 „konnte ich mir nicht mehr vorstellen, freiwillig mit Kindern in geschlossenen Räumen zu arbeiten. Als mir 2019 eine Stelle im Storchennest angeboten wurde, habe ich begeistert zugesagt.“ „Die Natur ist und bleibt die beste Erzieherin, die uns beim Aufwachsen begleiten kann. Sie bietet großzügig alles, was Kinder für ihre Entwicklung brauchen, und stellt zugleich eine Herausforderung dar“, sagt sie. „Nirgends wird die Neugier der Kinder besser gestillt als in einer Umgebung, die jeden Tag neu und anders ist. Sie verstehen auf natürliche Weise, dass sich alles ständig verändert. Das stärkt ihre Widerstandskraft. Außerdem stärkt die ständige Bewegung im Freien das Immunsystem und hilft dabei, den eigenen Körper zu kontrollieren.“
Die Stärkung des Immunsystems ist eines der Dinge, die die Eltern am meisten betonen. Diese Beobachtung wird durch verschiedene Studien gestützt, die im Laufe der Jahre durchgeführt wurden. Täglich mindestens drei bis vier Kilometer zu laufen, mit dem Rucksack, in dem sie Frühstück und Wasser mit sich tragen, verbessert ihre Beweglichkeit. Celi Buchholz ist seit sieben Jahren im Storchennest. „Ich habe es immer gemocht, Zeit im Freien zu verbringen. Viele meiner schönsten Kindheitserinnerungen stammen aus offenen Landschaften. Das hat sicher dazu beigetragen, mir den Wald als Arbeitsort vorzustellen. Die Kinder haben viel mehr Freiheit, ihre körperlichen Fähigkeiten auszuprobieren. Man muss ihnen nicht ständig sagen, dass sie nicht rennen oder leiser sprechen sollen. Der natürliche Bewegungsdrang muss nicht unterdrückt werden, wie es in Innenräumen oft der Fall ist. Dieses Gefühl von Freiheit entspricht meinem pädagogischen Verständnis.“
Die Geräusche, die man hört, sind die des Windes, das Rascheln der Blätter, das Wasser des Flusses oder der Regen. Oder der Schlitten, der an einem Hang über den Schnee gleitet. Das Fehlen des schrillen Lärms eines Klassenraums „ist an sich schon ein enormer Unterschied – sowohl für die Kinder als auch für die Erziehenden, die viel weniger erschöpft sind“, sagt Sulamith Ländle. Sie ist die letzte der neuen Erzieherinnen im Storchennest und seit einem Jahr dabei. „Ich fand die Arbeit in dieser Art Kindergarten interessant. Ich bedaure, nicht schon früher damit angefangen zu haben.“
In Überlingen beginnt das Kindergartenjahr im September, wenn die Störche wegziehen und die Weinlese endet. Die Wildapfelbäume hängen dann voller Früchte in Reichweite. Im Oktober färbt sich der Wald: Grün, Gelb, Ocker, Purpur fallen zu Boden und bilden eine Laubdecke, in der man treten, scharren oder Nüsse, Eicheln und Kastanien finden kann. Ab November kommen die Kälte und manchmal Nebel oder Schnee. Und die Feste, die zusammen mit dem astronomischen Kalender das soziale Leben prägen: St. Martin, Advent, Weihnachten. Im Frühjahr kehren die Störche zurück, und die Apfel-, Quitten- und Pflaumenbäume stehen in voller Blüte. Die Wahrnehmung des Wandels und der Vielfalt, verbunden mit der Ruhe des Waldes, sorgt dafür, dass die Kinder „viel ausgeglichener sind. Sie spielen kreativer und fantasievoller“, sagt Celi Buchholz. „Die meisten Spiele in Innenräumen sind durch das vorhandene Spielzeug vorgegeben, was einschränkt und langweilig werden kann. Im Wald kommen die Kinder mit der Natur, ihren Elementen und Jahreszeiten in Kontakt. Sie lernen sie nicht nur theoretisch kennen; sie erleben sie hautnah mit ihrem eigenen Körper. Sie lernen die Tiere, Bäume und Sträucher der Umgebung kennen und mit ihnen zu leben“, erklärt Ländle. Freiheit und Spontaneität sind nicht nur etwas für die Kinder: „Auch wir Erzieher können den Tag freier gestalten. Wir haben fast unbegrenzte Möglichkeiten. Wir müssen nicht immer am selben Ort beginnen oder feste Zeiten wie fürs Mittagessen haben. Wenn die Gruppe es möchte, stimmen wir ab und entscheiden, wohin wir gehen“, sagt Buchholz. „Eine Zeit lang haben wir an jeder Wegkreuzung einen Stock geworfen, der entschied, in welche Richtung es weitergeht.“
„Viele Menschen fragen, wie wir mit schlechtem Wetter umgehen. Sie sehen Wind oder Regen als Hindernis. Manchmal denke ich, sie haben vergessen, wie viel Spaß sie als Kinder hatten. Wenn es windig ist, kann man Dinge fliegen lassen oder ihn einfach im Gesicht spüren. Das macht Spaß. Regnerische Tage, wenn die Kinder sich an das Wetter gewöhnt haben, sind oft die besten im Wald. Ich habe sehr wenige Kinder kennengelernt, die nicht gern mit Wasser spielen. Wenn es regnet, gibt es Pfützen zum Hineinspringen, Regentonnen sind voll und im Sandkasten entstehen kleine Seen.“ „Für Kinder ist es in der Natur leichter, sich selbst wahrzunehmen. Die Veränderungen eines heranwachsenden Kindes geschehen schnell. Aber sie gewöhnen sich rasch an Neues. Gestern passten sie noch unter einen Tisch, heute sehen sie ihn von oben. Sie entdecken immer wieder neu, wo ihr Körper beginnt und endet. Das ist nur möglich, wenn sie sich ausprobieren und spüren dürfen.“
Natürlich gibt es auch Nachteile: Zum einen die Uhrzeit, was für Familien, in denen beide Eltern arbeiten, ein ernstes Problem sein kann. Außerdem, erklärt Celi Buchholz, erfordert der Waldkindergarten ständige Aufmerksamkeit für die Wetterverhältnisse, damit die Kinder richtig angezogen sind. Und noch etwas: „Der Wald mit seinen Unebenheiten ist nicht für alle Kinder geeignet. Zum Beispiel können wir kein Kind im Rollstuhl oder mit starren Routinen aufnehmen.“ Dennoch, „die Nachteile sind minimal“, betont Markus Müller. „Manchmal ist das Wetter eine Herausforderung. Alles andere hängt von der Motivation des Teams ab. Im Waldkindergarten kann man im Grunde alles machen, man braucht nur viel Spontaneität und Kreativität.
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